Nehmen Sie Stelleninserate nicht zum Nennwert

«Nachtclub sucht Dancing-Kellnerin». Dieses Stelleninserat erregte sogleich meine Aufmerksamkeit. Wir befinden uns in den 1990er Jahren und ich war damals Werkstudent. Soeben wurde das Zürcher Nachtleben etwas liberalisiert und zehn Clubs hatten die Erlaubnis, Freitag- und Samstagnacht bis vier Uhr morgens geöffnet zu haben. In so einem Club wollte ich unbedingt arbeiten!

Peter Näf
Zürich, September 2026

Ganz offensichtlich erfüllte ich eine Stellenanforderung nicht: Ich war ein Mann. Aber ich wusste: Kellnern konnte ich. Das erschien mir wichtiger als mein Geschlecht. Ich bewarb mich, wurde zum Gespräch eingeladen und erhielt den Job als Hahn im Korb in einem ausschliesslich weiblichen Service-Team.

Als ich mich zwei Jahre später beruflich umorientierte, waren die Hälfte der Service-Mitarbeitenden Männer. Der Club-Manager hatte sein Bild von der idealen Servicekraft geändert. Sein erster männlicher Mitarbeiter im Service erzielte regelmässig die höchsten Umsätze.

Inserate verraten nicht alles

Sie müssen nicht gleich zum Game-Changer werden und Geschlechterrollen auf den Kopf stellen. Aber Stellenprofile sind oft flexibler, als sie auf den ersten Blick erscheinen, und Unternehmen erweisen sich als erstaunlich offen für unterschiedliche Profile, wie folgendes Beispiel zeigt:

Vor vielen Jahren bearbeitete ich als Headhunter ein Personalsuchmandat bei einer Bank. Ich besuchte mit der Personalverantwortlichen den Hiring Manager, der mir die vakante Stelle beschrieb. Auf meine Fragen nach den Stellenanforderungen antwortete er: «Einen Hochschulabschluss mit 2-3 Jahren Erfahrung im Bereich». Der Arbeitsmarkt war damals ausgetrocknet, also versuchte ich das Kandidatenfeld zu erweitern: «Wäre auch ein Fachhochschulabschluss möglich?» Nach kurzem Überlegen bejahte er, setzte dann aber mehr Praxiserfahrung voraus. Jetzt schaltete sich die Personalerin ein, die wusste, wie schwierig es war, Mitarbeitende zu finden: «Aber Hans – der bisherige Stelleninhaber hatte doch auch keine höhere Ausbildung; ist diese wirklich Voraussetzung?»

Stellenprofile sind selten in Stein gemeisselt

Dann ging es los: Plötzlich wurden unterschiedlichste Profile denkbar: Wer Spezialwissen mitbrachte, brauchte keine höhere Ausbildung. Und je länger wir diskutierten, desto mehr mögliche Kandidatenprofile entstanden.

Und welche Anforderungen standen in meinem Stelleninserat? «Hoch- oder Fachhochschulabschluss mit 2-5 Jahren Erfahrung». Ich konnte unmöglich alle denkbaren Profile beschreiben; also konzentrierte ich mich auf jene Formulierung, die den grössten Teil der Bewerbender ansprach.

Deshalb nehme ich Stelleninserate bis heute ernst, aber nie wörtlich.

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